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Berufsunfähigkeitsversicherung – Nur Bekanntes ist kalkulierbar

BU-Versicherungen können nur Bekanntes kalkulieren – BGH-Urteile leider nicht

Kalkulieren kann ein Versicherer aber nur das, was ihm bekannt ist. Alles andere kann höchstens auf Basis der Erfahrungen der Vergangenheit möglichst vorsichtig mit Sicherheitszuschlägen eingeschätzt werden. Ob die Kalkulation allerdings aufgeht, kann nur gehofft werden. Sicher war für die Versicherungswirtschaft bis zum BGH-Urteil vom 03.11.1999, in dem erstmals in der deutschen Rechtsprechung das Arbeitsplatzrisiko berücksichtigt wurde, nicht absehbar, dass die Rechtsprechung mit der bis dato üblichen Verweisungspraxis einfach Schluss machen würde. Die Folge war, dass Versicherer ihre bisherige Leistungspraxis in nicht zuvor kalkulierbarer und erkennbarer Weise ändern mussten und nunmehr die ersten Bedingungswerke mit Verzicht auf die abstrakte Verweisung auf den Markt kamen.

Einige Marktteilnehmer vertreten dazu die Sichtweise, dass hier ein Rückgriff auf § 172 VVG nicht zulässig wäre, da der erhöhte Leistungsbedarf Ursache einer unklaren Formulierung in den Bedingungen sei. Diese sei zum „Anlocken von Verbrauchern“ entsprechend schwammig formuliert worden. Daher konnten die Versicherer niedrigere Beiträge kalkulieren.
Noch ist die Zahl aus dieser Entscheidung resultierender Leistungsfälle überschaubar, doch auch ein anderer aktueller Trend wird sicher dem einen oder anderen Erst- und Rückversicherer Kopfschmerzen bereiten: seit mehreren Jahren schon nimmt die Zahl psychosomatischer Erkrankungen als Grundlage für Leistungen aus der privaten Berufsunfähigkeits(-Zusatz-)versicherung rapide zu. Aktuell führen psychische Erkrankungen die Liste der häufigsten Ursachen für Berufsunfähigkeit bereits mit etwa 24,5 bei den Männern und 35,5 bei den Frauen an. (1 ) Noch 2003 waren es nur 22 bzw. 35 . (2) Geht man noch weiter zurück, so wird der gegenwärtige Trend umso anschaulicher. 1998 betrug der Anteil an Berufsunfähigen auf Grund von Nervenleiden nur 11,1 (3), in der Zeit von 1998 bis 2003 waren für etwa jeden fünften Leistungsantrag psychische Erkrankungen ursächlich.(4) Sehr schön zusammengefasst wurde diese Entwicklung von Hans-Werner Thieltges für die „Welt am Sonntag“:

„Fielen Männer vor 20 Jahren noch durchschnittlich mit 55 und Frauen mit 57 Jahren aus, so liegen die Altersgrenzen mittlerweile bei 51 und 49. Für die Berufsunfähigkeitsversicherung ist das eine gefährliche Entwicklung, sie müssen länger zahlen. Als Ursache steht mittlerweile auf fast jedem dritten ärztlichen Gutachten ein krankes Gemüt, Anfang der 90er Jahre traf dies nicht einmal bei jeder sechsten Erwerbsunfähigkeit zu. Davon betroffen sind vor allem die vermeintlich besonders Leistungsfähigen, ihre Psyche macht schon vor dem 40. Geburtstag schlapp. Seit 1993 ist der Anteil der seelisch bedingten Rentenzahlungen in dieser Altersgruppe bei Männern von rund 32 um über 46 Prozent gestiegen, bei Frauen von 20 auf über 36 Prozent.“ (5)

Nicht alle Versicherer teilen diese Ansicht. Argumentiert wird damit, dass in der privaten Berufsunfähigkeitsversicherung eine Risikoauslese stattfinde. Antragsteller mit laufender oder nicht allzu lang zurückliegender psychatrischer Erkrankung werden etwa gar nicht erst genommen. Dennoch bleibt ein Anwachsen der Leistungsfälle aufgrund psychosomatischer Erkrankungen als Trend klar erkennbar. Möglicherweise liege dies aber auch daran, dass man heute manche Krankheit als psychosomatisch einstufe, die man früher etwa als „Herzbeschwerden“ oder „unerklärliches Rückenleiden“ kategorisiert hätte.

Quellen: (1) „Richtig gut versichert“ (2005), 28. Hg: Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, Stiftung Warentest ; (2) „Berufsunfähigkeit gezielt absichern“, 12. Hg: Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, Stiftung Warentest ; (3) Capital 2 / 1998 ; 4 – www.swisslife-weboffice.de und (5) „Welt am Sonntag“, 15.08.2004

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